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  • Karin Sommer

Hochsensibilität und die Last der intensiven Gefühle


Die ersten Schneeflocken tanzen vom Himmel und beginnen mit ihrer gnädigen Arbeit, über alles eine weiche, dicke Decke zu legen. Es wird leiser, stiller und die Schritte im Gras krachen auf ihre ganz besondere Art. Ein sanftes Krachen, fast nicht mehr als solches zu bezeichnen.


Für hochsensible Menschen wäre die Schneedecke oft wunderbar, weil sie nicht an Gefühlsmangel leiden wie manch anderer. Sehr oft sagen sehr sensible Menschen, sie seien „nahe am Wasser gebaut“, lachen viel und weinen schnell. Sind von Filmen berührt, von Büchern, der Natur und selbstverständlich von Begegnungen. Zu den eigenen Gefühlen gesellen sich dann die der anderen, die blitzschnell wahrgenommen werden und manchmal „kleben bleiben“, mit nach Hause genommen und auch dort nicht am Garderobenhaken aufgehängt werden.


Starke Gefühle lassen das Leben bunt werden, bereichern und geben dem grauen Einerlei keine Chance, sich auszubreiten.



Doch wann wird diese Fähigkeit, tief zu fühlen, zu einer Last?


Dann, wenn die Traurigkeit bodenlos wird. Dann, wenn der Ärger nur zu gerechtfertigt scheint und das Kommando übernimmt. Dann, wenn die Gefühle nicht der Fluss sind, der in uns Wellen schlägt, sondern alles mitreißt. Unseren Hausverstand, unsere Umsichtigkeit, unsere Fähigkeit, verschiedene Blickwinkel einzunehmen.


Ob sehr sensibel oder sehr wenig sensibel – Gefühle können uns alle davontragen. Sie nicht zu unterdrücken, aber uns auch nicht von ihnen unterdrücken zu lassen, ist eine Kunst, in der wir uns wohl ein Leben lang üben werden. Manchmal erfolgreich, dann wieder unendlich weit weg davon, auch nur zu verstehen, warum wir wieder durch die Luft gewirbelt werden vom Zorn, Hass, Liebe und anderen Freunden.


Hochsensible Menschen erzählen immer wieder von intensiven Gefühlen, die ihnen Schwierigkeiten bescheren. „Würde ich nur nicht so viel spüren“ höre ich oft. Es gibt aber wie in allem auch hier ein Geschenk verpackt.


Nämlich die Fähigkeit, subtil zu fühlen.


Jenseits der intensiven Gefühle, die schwer handzuhaben sind, gibt es die feine Wahrnehmung von empfindsamen Menschen. Und das ist vielleicht die schönste, auch lebenslange Übung. Immer mehr auf die feinen Nuancen zu achten, die zarten Gefühle zu bemerken, an Tiefe zu gewinnen, die Welt immer feiner wahrzunehmen. Es muss nicht immer der Schneesturm sein, das Glitzern der Schneekristalle in der Sonne. Es darf auch einmal das sanfte Fallen der Schneeflocke auf deine Nasenspitze sein, an einem grauen Donnerstagnachmittag, das ein freudiges Flattern in deinem Bauch anstößt.


Falls heute allerdings ein Tag ist, an dem du entweder vom eigenen Ärger, der Frustration oder vom Schmerz der Freundin, die du vorher getroffen hast, noch ganz „gebeutelt“ bist, habe ich ein paar Vorschläge, um wieder mehr im Hier und Jetzt und weniger Zeit im Bad der Gefühle zu verbringen.


1. Geh unter die Dusche – falls du zu Hause bist – mit der klaren Absicht, alles abzuduschen, was nicht zu dir gehört, was dir in diesem Moment nicht dient. Das warme Wasser schwemmt angestaute Gefühle weg und wenn alles nichts hilft – eiskalt. Schrei dir die Empörung darüber raus und beobachte die Veränderung, wenn du deine krebsroten Beine warmrubbelst.


2. Such ein passendes Lied aus und tanz das Gefühl aus dem Bauch heraus. Lass es all den Raum deines Wohnzimmers einnehmen, ganz egal wie du dich gebärdest. Trau dich, ungewöhnliche Bewegungen und Gesichtsausdrücke willkommen zu heißen und vertrau darauf, dass ein Gefühl, das so willkommen geheißen wird, sich auf irgendeine Art verändern wird.


3. Einen Moment des „friedlichen Kriegers“: Du stellst dich hin und machst Kampfsportbewegungen mit Armen und Beinen, so wie sie in den Jackie Chan- Filmen zu sehen sind. Stell dir vor, dass du alle Gefühle, die nicht deine sind oder dir nicht dienen, nicht ankommen lässt, sondern ablenkst und wieder zurückschickst.


4. Du setzt dich hin, schließt die Augen und spürst deinen Körper mit seinem Atem, als ob es das erste Mal wäre, dass du ihn bemerkst. Du erforschst, wo und wie sich das Gefühl im Körper anfühlt und nimmst es an, ganz egal wie unmöglich oder unpassend es dir gerade vorkommt. Auch wenn es nur eine minimale Veränderung ist – sie passiert so gut wie immer, allein durch die wohlwollende Aufmerksamkeit.


5. Und wenn du gerade nicht zu Hause bist, aber Verzweiflung, Wut, Schmerz oder andere Freunde zu stark werden: bemerke deinen Atem und folge ihm einige Minuten lang. Das erfordert einen starken Willen, denn intensive Gefühle wollen wie intensive Gedanken nur eines: deine volle Aufmerksamkeit. Gib dennoch einen Teil deiner Aufmerksamkeit deinem Atem und bleib dran, einige Minuten. Bemerke den Boden unter deinen Füßen und den Untergrund, auf dem dein Po ruht, falls du sitzt. Verbinde dich mit dem Realen um dich herum und warte, bis die Gefühle wieder Teil dieser Realität werden und sie nicht mehr dominieren.


6. Und wenn gar nichts hilft: Es geht vorbei. Du bist eine/einer von uns hier lebenden, die das Menschsein gerade sehr schwierig finden. Mein Kater schaut mich an und meint: Glaubst du echt, ihr seid die einzigen, denen´s schwerfällt?



In eigener Sache: Ich freue mich sehr darüber, euch mitzuteilen zu können, dass ich mich jetzt „Heilpraktikerin für Psychotherapie“ nennen darf und stehe euch für Präsenzsitzungen sowie auch für online – Sitzungen nach wie vor sehr gerne zur Verfügung.



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