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  • Karin Sommer

Dein Wert bleibt immer gleich


Zu Weihnachten ging ein Video herum, das einen Mann auf einer Bühne mit einem Geldschein zeigte. Ein Fünfzig-Euro-Schein, den er zerknüllte, auf ihn trat, sich vorstellte, ihn in einen Designeranzug zu stecken und ihn zu beschimpfen. Er blieb immer gleich viel wert, er blieb immer ein Fünfzig-Euro-Schein.



Das Video ist so beliebt, weil wir alle irgendwo einen wunden Punkt haben, wenn es um unser Selbstwertgefühl geht. Auch wenn wir als aufrechte, selbstbewusste Menschen durchs Leben gehen, bedarf es oft nur Kleinigkeiten, manchmal auch stärkere Schläge, und wir fühlen uns blitzartig entwertet, minderwertig, wertlos oder nicht liebenswert. Deshalb lieben wir Videos wie dieses, in denen uns jemand sagt: Vergiss nicht – du bist immer wertvoll. Du musst nichts Besonderes dafür tun, du musst nicht nach der neuesten Mode gekleidet sein, du bleibst auch wertvoll, wenn dich jemand anderer schlecht behandelt.


Doch was tun in Momenten, in denen der Selbstwert gewaltig ins Wackeln gerät?


1. Pausieren


Am besten erstmal nichts. Unser erster Impuls ist nämlich der, irgendetwas zu tun, damit das schlimme Gefühl, nichts wert zu sein, weggeht. Dein Vorgesetzter kritisiert dich auf unproduktive Art vor Kollegen. Du hältst dagegen, er verlässt den Raum, du setzt dich hin. Das Gefühl, entwertet worden zu sein, beginnt sich auszubreiten, und du möchtest ihm ein E-Mail schreiben, zu ihm gehen, um ihm richtig die Meinung zu sagen. Gleichzeitig möchtest du deiner Kollegin sagen, was dich immer schon an ihr gestört hat und brauchst einen Kaffee und eine Zigarette.


Nicht reagieren in diesem Moment fühlt sich schlimm an und ist doch das Beste, das du tun kannst. Genauso wie in dem Moment, in dem dein Partner wieder nicht aufgeräumt hat, wie er es versprochen hat, oder deine Freundin seit langem keine Zeit für dich hat. Du fühlst dich nicht wertgeschätzt. DU musst unbedingt mit jemandem darüber reden oder musst dich zumindest ganz hart machen und gegen weitere Missachtungen schützen. Nicht reagieren in diesem Moment, nicht einmal damit, hart und unerbittlich zu werden, erfordert sehr viel. Das unangenehme Gefühl droht, Überhand zu nehmen. Deshalb musst du größer werden, als du in diesem Moment bist.


2. Dich ausdehnen


Versuch, dich auszudehnen. Innerlich und äußerlich. Ein bisschen, wie ein Luftballon, der zusammengeschrumpft ist und den du wieder aufbläst. Atmen hilft, entspannen hilft, den Boden unter den Füßen spüren, hilft auch. Aber vor allem das Empfinden, dass du groß genug werden kannst, um das Gefühl auszuhalten, ohne dass es dich übermannt. Bis es ein Teil deiner momentanen Erfahrung ist, aber nicht mehr. Bis du nicht mehr handeln musst, jetzt aber handeln kannst.


3. Die andere Person in gedämpftem Licht betrachten


In diesem Moment ist es vielleicht sogar möglich, die andere Person von deiner neuen Perspektive aus wahrzunehmen. Möglicherweise spürst du den Schmerz, aus dem heraus sie handelt, kannst ihre Belastungen und Konditionierungen wahrnehmen. Was nicht heißt, dass du ihr Verhalten gutheißt, oder dem jetzt oder in der Zukunft zustimmen musst. Es bedeutet nur, sie statt in einem grellen Licht, in einem etwas gedämpften Licht zu betrachten. Weil es für deine Augen angenehmer ist.


Als sensible Person sind diese Gefühlsmomente sehr intensiv. Falls deine Kindheit eine war, in der du kein sicheres, unterstützendes Umfeld hattest, wird es leichter und schneller passieren, dass dein Selbstwert ins Wanken gerät. Manchmal sogar, ohne dass jemand anders involviert ist.


Die Schritte bleiben dieselben. Du pausierst, dehnst dich aus, beinhaltest das ungeliebte Gefühl des nichts wert sein, ungeliebt oder minderwertig seins und betrachtest dich dann in gedämpftem Licht. Dann befindest du dich dort, wo deine Schwächen nicht überbelichtet werden und deine Stärken durchschimmern und du erinnerst dich vielleicht an den 50 Euro Schein, der immer gleich viel wert ist. Genau wie du – allerdings bist du unbezahlbar wertvoll.

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