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  • Karin Sommer

Über die Weichheit in einer harten Zeit


Wir warten vor dem Supermarkt. Die Frau in Poleposition, mit Maske schon lange vor der Maskenpflicht, scharrt in den Startlöchern. Als sich die Türen punktgenau öffnen, startet sie direkt zum Gemüsestand. Dennoch wird sie von links überholt und verliert das Anrecht auf den ersten Grünkohl. „Eine Frechheit“ schreit sie, „Sie missachten die 3,5 Meter Sicherheitsabstand.“


Die Kassiererin des Supermarktes hat hingegen andere Sorgen. In ihrem Heimatland findet Ostern eine Woche später statt. Ihr Sohn wohnt in Italien, der Rest der Familie in Bulgarien. Sie hat es gewagt, ihren Neffen zu sich zum Kaffee einzuladen. Das haben aber die Nachbarn von oben mitbekommen, die sie sowieso schon bei jeder Gelegenheit in ihre Heimat schicken wollen und rufen die Polizei, die ich auch pflichtbewusst anrollt. Ob Strafe oder nicht, ist noch ungewiss, die Straftat ist protokolliert.


Meine Freundin zählt zur Risikogruppe. Ihr wacher, rebellischer Kopf hat ihr immer geholfen, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Langjährige Freunde bombardieren sie mit Artikeln über Verschwörungstheorien und feiern Coronapartys im Gemeinschaftsgarten.


Nach dem Supermarkt steht der Maskenkauf in der Apotheke an. Ein Bekannter, den ich nicht gleich erkannt habe, steht im richtigen Abstand neben mir und ich erwähne, dass ich danach eine gemeinsame Freundin besuchen werde. Der Satz springt zu ihm, weil es so still ist und weil ich beginne, eine Allergie auf die Gräben zwischen den Menschen zu entwickeln. „Ich meine, wir gehen gemeinsam spazieren“, schiebe ich noch nach, als ob nicht schon der erste unnütze Satz gereicht hätte. „Ihr könnt auch Sekrete austauschen, das ist mir egal“, kommt die Antwort gelassen zu mir geschaukelt.


Es ist die Angst, die unseren Muskeln den Befehl gibt, sich anzuspannen. Die Angst davor, sich den Hintern mit Zeitungspapier abwischen zu müssen, die Angst davor, die Kontrolle über unsere Leben zu verlieren, obwohl wir sie nie hatten, die Angst davor, dass die Angst der anderen sich mit unserer verbündet und uns gegenseitig ausspielt.


Meine Schwester schickt mir das Video, in dem ein vermeintlicher Psychiater den Menschen mitteilt, dass es normal sei, wenn sie in der Zeit der sozialen Isolation begännen, mit Pflanzen, Staubsaugern und Stubenfliegen zu sprechen. Sie mögen sich bitte erst an den nächsten psychiatrischen Dienst wenden, wenn diese antworteten. Ich habe schon vor der Krise mit meinem Staubsauger gesprochen. Er ist nicht mehr der Jüngste und braucht Zuspruch, um mit den Mengen an Staub klarzukommen, der bei uns aufgewirbelt wird.


Manchmal, wenn ich an meine persönlichen Grenzen stoße und die Anspannung auf Schmerzen beharrt, fallen mir Antworten zu. Es ist nicht ganz klar, ob sie vom Staubsauger, den Stubenfliegen oder den Tulpen am Küchentisch kommen, die auch nicht sterben wollen. Die Antworten, die mir zufliegen, sind selten logisch. Ich folge ihnen trotzdem meistens, ohne den psychiatrischen Notdienst anzurufen. „Weich, warm und sicher“ melden die Stimmen heute. Wahrscheinlich kommen sie doch von den eben erst geschlüpften Stubenfliegen, denn die wissen noch nichts von ihrem kurzen Leben und nahem Tod. „Weich, warm und sicher“. Aus früheren Treffen weiß ich, dass es nicht darum geht, den Satz zu verstehen. Es hilft auch nichts, ihn zu ignorieren, wegzuschieben oder ihn lächerlich zu machen. Er besteht darauf, gehört zu werden. Ich ergebe mich, lasse ihn wirken und werken. Er spricht zu meinen Schultern, die sich überraschender Weise entspannen. Weich, warm und sicher. Meine Gesichtszüge folgen ihm, sogar mein Gemütszustand weiß, worum es bei „weich, warm und sicher“ geht. Die Hüfte ist am widerspenstigsten, aber das ist nichts Neues.



Ich nehme den Staubsauger zur Hand und frage mich, ob es nicht doch er war, der mit der Idee rausgerückt war. Auf jeden Fall saugt er heute besonders enthusiastisch.


Weich, warm und sicher wird mich durch diesen Tag tragen. Die Gräben zwischen den Menschen wird sie nicht zuschütten, die verlorenen Arbeitsplätze nicht zurückholen, die Situation nicht durchschaubarer machen, die Zukunft nicht rosiger. Was „weich, warm und sicher“ macht, ist, dass die Angst sich nicht mehr wohlfühlt in meiner Gegenwart. Sie schaut säuerlich, weil sie weiß, dass sie mich heute nicht begleiten wird. Sie wird woanders sein, wenn ich mit der Kassiererin im Supermarkt darüber lache, dass sie der Nachbarin gesagt hat, dass alles in Ordnung sei und sie keine Strafe erhalten habe, obwohl sie noch keine Ahnung hat, ob es so sein wird. Währenddessen ruft die Angst den psychiatrischen Notdienst an, weil sie sich so alleine fühlt. Soll sie das tun, während wir uns

näherkommen.

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